Am 9. Januar 2026 fand in Aarau das dritte Weissenstein Symposium statt. Die Tagung stand mit Keynotes, Impulsvorträgen, Diskussionen sowie interaktiven Workshops ganz im Zeichen des interdisziplinären Austauschs. Über 130 Personen haben teilgenommen. Prof. Dr. iur. Thomas Gächter und Dr. iur. Michael Meier präsentierten ihren Expertenbericht zur gesetzlichen Umsetzung der parlamentarischen Initiative Kamerzin, in welcher die Abkehr von der Bezugnahme auf einen fiktiven Arbeitsmarkt hin zur Bezugnahme auf den realen Arbeitsmarkt gefordert wird.

Gächter und Meier im Gespräch mit Moderator Patrick Rohr.

 

Dr. Urban Schwegler präsentierte die praktischen Anwendungsmöglichkeiten des von der Schweizer Paraplegiker-Forschung entwickelten Job-Matching-Tools mit welchem der reale Arbeitsmarkt operationalisiert werden kann. Er zeigte auf, dass mit diesem mit Lohndaten und Arbeitstätigkeiten verknüpften Instrument abgeklärt werden kann, welche realen Tätigkeiten eine Person mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung noch ausführen kann und wieviel sie in einer solchen Tätigkeit verdienen könnte.

Schwegler präsentiert das Job-Matching-Tool. 


Der Impulsvortrag von lic. iur. Yvonne Bollag und PD Dr. med. MSc Andreas Klipstein «Beitrag der Versicherungsmedizin für eine realitätsbezogenere Abklärung der Arbeitsfähigkeit» verdeutlichte die grosse Herausforderung von Ärztinnen und Ärzten, die Arbeitsfähigkeit von Betroffenen realitätsbezogener abzuklären und nachvollziehbarer festzulegen.

 

Bollag und Klipstein mit ihrem Beitrag aus Sicht Versicherungsmedizin.


Die Ausführungen lieferten wichtige Impulse für die anschliessenden Gespräche und Diskussionen parallel stattfindenden World-Café-Workshops. Im Schlussreferat plädierte lic. iur. Erich Züblin als Geschädigtervertreter gut begründet für die Abkehr von Fiktionen hin zum Abstützen auf wissenschaftliche Erkenntnisse bei der Beurteilung und Festlegung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit. 

Züblin beim Schlussplädoyer.


Der Projektleiter des Symposiums, Guido Bürle Andreoli, zog eine positive Bilanz:

Das Bedürfnis und der Wille nach Optimierung der Verfahren und Vorgehensweisen bei der Abklärung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit war bei allen Beteiligten spürbar. Das stimmt sehr zuversichtlich, auch wenn in Bezug auf die konkrete Umsetzung noch viele Fragezeichen bestehen.

Die Gespräche machten klar: Nachhaltige und praxistaugliche Lösungen sind nur durch interdisziplinäre und strukturierte Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteuren erreichbar. Das Weissenstein Symposium leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Es besteht Zuversicht, dass die vorliegenden Lösungsansätze weiterentwickelt und in die Praxis implementiert werden können.

Denn es ist jetzt an der Zeit, bei der Crux der Abklärung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit zugunsten der betroffenen Personen wirksame Fortschritte zu erzielen – ein erster entscheidender Schritt dazu ist die gesetzliche Verankerung des realen Arbeitsmarkts.